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Helga Mergelkuhl und Detlef Lekour werfen sich gegenseitig einen Ball zu. Die Übung gehört zum lockeren Einstieg in das Training der Gruppe, mit dem die MS-Betroffenen ihre Bewegungsfähigkeit schulen.
Bewegungsgruppe von MS-Betroffenen
Gegen die Krankheit der 1000 Gesichter
von Hendrik Uffmann
Bielefeld (WB). Vorsichtig schiebt Helga
Mergelkuhl ihren rechten Fuß vor, ertastet Stück für Stück den weichen
Untergrund. »Such erst einen sicheren Stand, bevor du weitergehst«,
mahnt Übungsleiter Olaf Ahlers. Mit ausgestreckter Hand steht er
bereit, um zu helfen, während die 54-Jährige
die aus Kästen gebaute Treppe erklimmt. Eine Übung, die eigentlich nur
Sekunden dauert. Doch Helga Mergelkuhl verlangt sie höchste
Konzentration ab. Denn sie leidet unter Multipter Sklerose (MS),
einem entzündlichen Befall des Nervensystems. Die Folgen der Krankheit
sind bei jedem unterschiedlich, doch so gut wie immer ist die Fähigkeit
zur Bewegung eingeschränkt. Dass sich die Betroffenen damit nicht
abfinden müssen, beweisen Helga Mergelkuhl und die anderen Mitglieder
der MS-Bewegungsgruppe der Behindertensportgemeinschaft Bielefeld.
Montagabend
in der Sporthalle der Lebenshilfe am Möllerstift. Im Kreis sitzen
Leonore Schmidt, Rainer Seutter von Lodtzen, Detlef Lekour, Jürgen
Nickel, Helga Mergelkuhl und Olaf Ahlers auf ledergepolsterten
Holzkästen zusammen. Immer wieder werfen sie sich einen roten Gummiball
zu, das Training hat begonnen. Die Stimmung ist gelöst, es geht auch um
Spaß und Gemeinschaft. »Zu Anfang habe ich mitgemacht, um zu Hause
rauszukommen, um der Isolierung zu entfliehen«, sagt Detlef Lekour. 49
Jahre ist er alt, mit 31 stellten die Ärzte bei ihm die Diagnose MS.Zum
Treffen der Bewegungsgruppe ist er im Rollstuhl gekommen, doch bei den
Geh-Übungen macht auch er mit. So wie Helga Mergelkuhl schafft er den
Stufen-Parcours, den Übungsleiter Olaf Ahlers aufgebaut hat. Ohne Druck
führt der Diplom-Sportstudent die Teilnehmer an die Aufgaben heran,
ermutigt und fordert sie aber auch. »Wer will es jetzt mal mit geschlossenen Augen versuchen?«, fragt er, und fast alle machen mit. Schwierig sind solche Aufgaben für MS-Betroffene, erklärt Rainer Seutter von Lodtzen, stellvertretender Leiter der MS-Kontaktgruppe Bielefeld und Umgebung, weil die Krankheit das Nervensystem angreift und so fast immer den Gleichgewichtssinn und die Körperkoordination
stört. Hinzu kommen bei manchen Sehstörungen. »Wenn ich dann irgendwo
hinschaue, fehlt mir in der Mitte einfach ein Stück. Nicht wie
eine schwarze Fläche, sondern der Bildausschnitt ist einfach nicht da«,
beschreibt Detlef Lekour dieses Symptom. Dann wird es für ihn noch
schwerer, die Stufen herauf zu steigen, weil er die Absätze einfach
nicht richtig erkennen kann.
So
sind die Übungen in der Bewegungsgruppe auch Training für den Alltag,
für die Bewältigung von Treppenstufen oder Bordsteinkanten. »Wir wollen
so viel wie möglich an Bewegungsfähigkeit erhalten, die eigenen Möglichkeiten ausloten«, erläutert Rainer Seutter von Lodtzen. Zum Training gehören Entspannungs- und Atemübungen genauso wie die Schulung des Gleichgewichtssinns. Dazu hat Olaf Ahlers auf dem grünen Boden der Sporthalle einen weiteren Parcours aufgebaut. Über ein Sprungbrett, einen Schaumstoffkeil und ein Trampolin sollen die Teilnehmer laufen -und schließlich über eine Bank balancieren. Wie weit jeder mitmachen kann, entscheidet die Tagesform. Denn so wie die Krankheit bei allen MS-Kranken anders verläuft, so schwankt auch die
körperliche Leistungsfähigkeit von Tag zu Tag. Deswegen, so Rainer
Seutter von Lodtzen, heiße Multiple Sklerose auch die »Krankheit mit
den 1000 Gesichtern«. »Manchmal habe ich nach dem Bewegungstraining das
Gefühl, dass es mir richtig was gebracht hat. Und dann klappt es ein anderes Mal nicht so gut« sagt Detlef Lekour.
Doch
lohnen, betont er, tue sich das Treffen der Gruppe immer. »Auch wenn es
mit den Übungen nicht so gut läuft bin ich froh, dass ich die anderen
gesehen habe.«
Multiple Sklerose
Die
Multiple Sklerose (MS) ist eine entzündliche Erkrankung des
Nervensystems, die ganz unterschiedlich verlaufen kann und meist im
frühen Erwachsenenalter beginnt. In Deutschland leiden nach Schätzungen
der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft (DMSG) etwa 120000
Menschen unter der Krankheit. Das Erscheinungsbild der MS ist sehr
vielgestaltig: der MS-Erkrankte kann zum Beispiel
Kribbelmißempfindungen verspüren, Gleichgewichtsstörungen haben,
vermehrt stolpern oder Schwierigkeiten beim Sehen bekommen.
Der
Verlauf einer MS kann von Patient zu Patient sehr unterschiedlich sein.
In einzelnen Fällen, laut DMSG weniger als fünf Prozent, führt die
Krankheit innerhalb weniger Jahre zu schwerer Behinderung. Das
durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 30 Jahren. Frauen
erkranken doppelt so häufig wie Männer. Die Ursache der MS ist noch
nicht geklärt. Vermutlich müssen mehrere Bedingungen und Einflüsse
zusammentreffen. Auch eine Beteiligung genetischer Faktoren wird
derzeit nicht mehr ausgeschlossen und intensiv erforscht.
Die MS-Bewegungsgruppe
Seit
drei Jahren besteht die Bewegungsgruppe für MS-Betroffene, Veranstalter
ist die Behindertensportgemeinschaft im Polizei-Sportverein Bielefeld.
Willkommen sind Menschen, die unter MS leiden und deren Angehörige.
Außer in den Schulferien trifft sich die Gruppe jeden Montag um 17 Uhr in der Sporthalle der Lebenshilfe, Am Möllerstift 22. Weitere Informationen gibt es bei Leonore Schmidt, Tel. 05 21/6 53 37 oder Olaf Ahlers, Tel.: 05202/996063.
Übungsleiter Olaf
Ahlers hilft Rainer Seutter von Lodtzen , den Parcour für die
Geh-Übungen zu bewältrigen.
Fotos:
Uffmann vom 20.02.2003 - Quelle: Westfalen - Blatt |
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